Mag. Michaela Neufeldt-Schoeller, Psychotherapeutin in Wien 18

Traumatherapie

Ab einem bestimmten Alter wissen wir alle, dass das menschliche Leben endlich ist, dass unsere Einflussmöglichkeiten gegenüber Kriegen, Verbrechen und Gewalt auf der Welt äußerst eingeschränkt sind, dass das Leben durch Krankheiten, Unfälle, Katastrophen leicht und manchmal sogar plötzlich ein Ende finden kann.

Eine schützende Hülle um das Ich

Aber die permanente Gegenwart dieser Lebensfakten ist psychisch nicht erträglich – mit dem akuten Bewusstsein der Ohnmacht, der permanenten Bedrohung lässt sich morgens nicht aufstehen und abends nicht ruhig einschlafen, lässt sich keine Ausbildung absolvieren, keine Familie gründen, kein Haus bauen und keins der täglichen Dinge tun, die unser Leben als Menschen ausmachen.

Die Routine ist hier unser Freund und Ratgeber – an den allermeisten Tagen unseres Lebens geschieht in unserem Umfeld nichts außerordentlich Tragisches. Dadurch wird es uns möglich, die Realität der Möglichkeit von Tod und Tragödien für uns und die uns Nahestehenden zu verleugnen und uns sicher zu fühlen. Oft schreiben wir uns sogar selbst halb bewusst besondere, quasi magische Fähigkeiten zu, die uns angeblich unverwundbar machen. Eine besonders robuste Gesundheit, eine dank Workout und/oder Ernährungsplan überlegene körperliche Fitness, unser positives Denken – oder einfach nicht mehr und nicht weniger als ein geheimer Pakt mit dem Leben, kraft dessen ausgerechnet wir von allem verschont bleiben werden: Diese mehr oder weniger irrationalen, aber trotzdem gesunden, weil lebensbejahenden Vorstellungen hüllen unser Ich ein wie eine schützende Blase ein und können, wie jeder weiß, tatsächlich auch zu Gesundheit und Lebenserfolg beitragen.

Ein Trauma bringt die Hülle zum Platzen

Wird die Idee von der Unverwundbarkeit, von der Beeinflussbarkeit des Unbeeinflussbaren durch einen plötzlichen Einbruch von Gewalt in den Alltag zerstört, platzt die schützende Hülle. Tiefgreifende psychische Folgen sind kaum zu vermeiden.

Ein Trauma (griechisch für Wunde,Verletzung) ist ein schreckliches Erlebnis, das man selbst erlebt oder dessen unmittelbarer Zeuge man geworden ist. Ein schweres Verkehrsunglück, ein plötzlicher medizinischer Notfall oder eine Naturkatastrophe können traumatisierend wirken. Aber noch viel schwerwiegender verletzen uns Situationen, in denen andere Menschen mittels physischer oder psychischer Gewalt in die persönliche Sphäre eindringen, in der wir uns heute normalerweise sicher und selbstbestimmt fühlen dürfen.

Allgemeine Grundsätze der Traumagenese

  • Eine Traumatisierung übersteigt unsere normalen, altersgemäßen Bewältigungsfähigkeiten.
  • Je jünger man im Zeitpunkt der Traumatisierung ist, desto verletzlicher ist man.
  • Durch Menschen zugefügte Verletzungen (man-made-traumata) wirken sich negativer aus, als Naturkatastrophen.
  • Je näher einem der Täter steht, umso stärker wird das Vertrauen auf eine an sich freundliche Welt erschüttert.
  • Je länger die traumatisierende Situation angehalten hat, umso tiefer die Verletzung.

Mit dieser Erinnerung kann man nicht abschließen

Wer ein Trauma erlitten hat, kommt von der Erinnerung an das Erlebte nicht los. Das traumatisierende Erlebnis steckt – oft in einzelne Szenen oder zusammenhanglose visuelle, akustische, olfaktorische und kinästhetische Bestandteile fragmentiert – sozusagen im “Arbeitsspeicher” des Gehirns fest. Es kann nicht als belanglos vergessen, es kann aber auch nicht als normale Erinnerung in die bestehende Vorstellung vom Selbst und von der Welt integriert werden.

Albträume und durch äußere Trigger ausgelöste Flashbacks lassen Betroffene das Geschehene immer wieder erleben. Auch permanente Wachsamkeit, ein extremes Kontrollbedürfnis und immer wiederkehrende Ängste sind völlig normale Folgen der Ereignisse, machen aber in der auf die Traumatisierung folgenden Lebensphase die Rückkehr in den Alltag praktisch unmöglich.

Spätfolgen eines Traumas

Sind die Umstände ungünstig – ist das Erlebte besonders entsetzlich, fühlt man sich vollkommen allein mit allen Erinnerungen oder gelingt es überhaupt nicht, das Geschehene in irgendeiner Weise zu begreifen, einzuordnen und abzuschließen – können sich in den Monaten nach der Traumatisierung psychische Störungen entwickeln. Neben Angst- oder Panikstörungen und Depressionen ist hier besonders die Posttraumatische Belastungsstörung zu nennen.

Bei dieser Störung versucht die geplagte Psyche, die fürchterliche Erinnerung wie einen Fremdkörper abzukapseln – mit ihr aber auch alles, was zu ihr hinführt. Zurück bleibt ein verödetes Ich. Gefühlsarmut, Interesselosigkeit, Antriebslosigkeit, Entfremdungs- und Distanzgefühle gehören ebenso zum Störungsbild wie die trotz aller Vermeidungsversuche ausdauernde Belagerung durch die schlimmen Erinnerungen, die in Gedanken, Träumen und plötzlichen Flashbacks wiederkehren. Dazu kommt eine Art permanentes Unter-Strom-Stehen: Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Unausgeglichenheit, extremes Kontrollbedürfnis und ausgeprägte Schlafstörungen sind Anzeichen für Dauerstress; die Psyche kommt einfach nicht zur Ruhe.

Mit der Zeit kann auch eine posttraumatische Belastungsstörung abklingen – um so sicherer ist das, je mehr Unterstützung von außen Sie sich holen. Bei wiederholten, extrem bedrohlichen oder lebensgeschichtlich sehr frühen Traumatisierungen kann sie jedoch auch in eine sogenannte komplexe posttraumatische Belastungsstörung oder in eine manifeste Persönlichkeitsstörung übergehen.

Eine Traumatherapie stabilisiert, hilft bei der Verarbeitung des Erlebten und bei der Neuorientierung

Eine professionelle traumatherapeutische Begleitung ist direkt, aber auch noch Monate oder Jahre nach einem traumatisierenden Erlebnis unbedingt hilfreich. Mit Ihrem Psychotherapeuten können Sie über alles sprechen – er oder sie wird Ihnen aber auch kein Thema aufzwingen, für das Sie noch nicht bereit sind.

In der ersten (wichtigsten und längsten) Phase einer Traumatherapie geht es primär um Ihre psychische Stabilisierung. Sie lernen unter anderem Techniken, mit denen Sie sich entspannen und eine gewisse Kontrolle über die Sie bedrängenden Erinnerungen erlangen können. Sie reflektieren Ihr aktuelles Verhalten, Beziehungsprobleme und schwierige Lebensumstände, die vielleicht Nachwirkungen des erlittenen Traumas sind – vielleicht aber auch nicht. Hier versuchen Sie, ungewollte Schäden zu erkennen, zu begrenzen und zu reparieren, so weit es in Ihren Kräften steht.

In der Phase der Traumabearbeitung können Sie, wenn Sie es dann noch wollen, das traumatische Erlebnis gezielt und gesteuert konfrontieren. Hier gibt es verschiedene Verfahren, wie Sie dabei die Kontrolle behalten, eine Retraumatisierung vermeiden, die fragmentierten Erinnerungen integrieren und Schritt für Schritt einer Bewertung beziehungsweise Neubewertung zugänglich machen können. Zu den Verfahren, mit denen traumatische Erinnerungen im Rahmen einer Traumatherapie in “normale” Erinnerungen umgewandelt werden, gehören EMDR (Desensibilisierung und Wiederaufarbeitung im Zusammenhang mit Augenbewegungen) und die sogenannte Bildschirmtechnik.

Die Therapie schließt mit einer Phase der Neuorientierung ab, in der Sie sich darüber Klarheit verschaffen, wie das Erlebte Ihre Wertevorstellungen, Ihr Weltbild und Ihr Selbstbild beeinflusst hat, und ob Sie dem Geschehen dadurch einen persönlichen “Sinn” zuweisen möchten, dass Ihr weiteres Leben auch äußerlich etwas von diesen Einflüssen und Veränderungen widerspiegelt.

PITT: Ein sicherer Ort für das innere Kind

Die von mir angebotene psychodynamisch imaginative Traumatherapie (PITT) ist besonders geeignet zur Behandlung schwerer Traumafolgestörungen. Hier steht nicht die Konfrontation des meist viele Jahre zurückliegenden Traumas im Vordergrund, sondern die psychische Stabilisierung, die Kontaktaufnahme mit den verletzten Anteilen des Selbst.

Siehe auch meinen Literaturtipp „Trauma: Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen