Mag. Michaela Neufeldt-Schoeller, Psychotherapeutin in Wien 18

Tiefenpsychologie

In der tiefenpsychologischen Psychotherapie besteht der Anspruch, der Spur des psychischen Leidens in der Lebensgeschichte des Patienten bis zu ihren meist unbewussten Ursprüngen in frühen (oder auch späteren) Traumata und gestörten Beziehungen zu folgen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Interaktion mit dem Therapeuten. In dieser Beziehung treten auf beiden Seiten intensive Gefühle zu Tage, die Hinweise auf die erlebten Verletzungen geben. Heilende Wirkung hat einerseits das Bewusstwerden der Umstände und Mechanismen der Leidensentstehung, andererseits das Neuerleben der Konflikte in der geschützten Beziehung zum Psychotherapeuten, in der das Ich des Patienten wachsen kann.

Die Heimat der tiefenpsychologischen Schule der Psychotherapie ist Wien. Hier lebte und praktizierte Sigmund Freud von 1891 bis zu seiner Emigration nach London 1938, hier entwickelte er seine Neurosenlehre und das Konzept der Psychoanalyse als Wissenschaft und Therapiemethode. Hier diskutierte er im Rahmen der „Psychologischen Mittwochs-Gesellschaft” (weiterführender Artikel) mit Schülern und Kollegen, von denen einige – wie Alfred Adler, Carl Gustav Jung und Sandor Ferenczi – der neu geborenen „Wissenschaft vom Ich” später ebenfalls ihren Stempel aufdrückten.

Heute geläufige Konzepte wie das Unbewusste,

  • das dreiteilige Strukturmodell der Psyche mit Es, Ich und Überich,
  • die dreiphasige Entwicklung der Libido mit oraler, analer und genitaler Phase und die
  • Vorstellungen von Trieben, Affekten sowie Abwehr- und Verdrängungsmechanismen

gehen auf Freud zurück.

Spätere Generationen von Tiefenpsychologen haben mit der Betonung der Wichtigkeit von Bindungen und Beziehungen die ursprünglich vorwiegend auf die innersubjektive Triebökonomie fokussierte Wissenschaft bereichert. John Bowlby et al. erkannten die immanente Bedeutung einer warmherzigen und zugewandten Elternfigur für die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit.
So entstand eine Vielfalt von Schulen der tiefenpsychologischen Psychotherapie, die sich in ihrem Menschenbild immer mehr anglichen.

Die klassische Psychoanalyse – der frei assoziierende Patient auf der Couch, der Analytiker, der im Hintergrund Deutungen anbietet, dies alles mehrmals wöchentlich – hat heute nicht zuletzt aus Gründen der Effizienz an Bedeutung verloren. Aber auch die heute praktizierten Ansätze von Analytischer Psychotherapie bis Neo-Psychoanalyse eint die große Bedeutung, die dem Nicht-Erinnerten, der (frühen) Kindheit bei der Entwicklung der Persönlichkeit und bei der Entstehung psychischer Störungen zugewiesen wird. Die von mir praktizierte Transaktionsanalytische Psychotherapie nach Eric Berne ordnet sich in dieses Methodenspektrum ein.