Mag. Michaela Neufeldt-Schoeller, Psychotherapeutin in Wien 18

Psychotherapie in Wien - Geschichte und Besonderheit

Psychotherapie und Wien – hat Wien eine besondere Beziehung zur Psychotherapie und seinen Therapeuten?

Immerhin – eine sogar genussvolle Hinwendung zu den dunkleren Seiten des Lebens, das, was gemeinhin und etwas abgegriffen als Wiens “morbider Charme” bezeichnet wird, gilt zumindest den Reiseführern als typische Eigenschaft Wiens, der Wiener Gesellschaft und all ihren Patienten und Patientinnen (samt deren vielfältigsten psychischen Krankheiten). Eigentlich seltsam: Auch andere Städte (nicht zuletzt in Österreich) haben malerische Friedhöfe und düstere Katakomben, ohne dass sie deswegen gleich als Metropolen des Morbiden gelten. Und auch ein Bestattungsmuseum kann es eigentlich nicht nur in Wien geben.

Wien als Metropole des Morbiden

Einsamkeit und Erfolgsdruck treten in großen und stressenden Städten wie Wien besonders häufig auf...
Einsamkeit und Erfolgsdruck treten in großen und stressenden Städten wie Wien besonders häufig auf… Und – Speziell in Wien gibt es eine besonders hohe Dichte an Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen (Foto © Carmen Steiner, Fotolia.com)

Keine Frage: Leben und Arbeit in modernen Großstädten ist für viele Menschen psychisch belastend (siehe Burnout). Auch in Wien gibt es in jedem Bezirk Einsamkeit, Entfremdung (siehe Trennungsprobleme), Erfolgsdruck, Suchtkrankheit und andere Quellen seelischen Leids. Im Herbst – so scheint es – hat die Depression in Wien ihre Patienten fest umklammert. Aber im Alltag der Stadt erscheint es den Nicht-Literaten unter uns dann doch fast absurd, dass ausgerechnet Wien vor anderen Städten etwas an sich haben könnte, was psychischen Problemen oder der Beschäftigung mit ihnen besonderen Vorschub leistet. Komplizierte historische Herleitungen von Wiens besonderem Charakter aus der jahrhundertelangen Bedrohung durch Türkenüberfälle, aus dem kaum verwundenen Schmerz über den vergangenen Glanz als habsburgische Residenzstadt und wichtigste Metropole des Heiligen Römischen Reiches, aus dem Einfluss der Kultur osteuropäischer Einwanderer oder aus der schuldhaften Verstrickung der Stadt in das nationalsozialistische Elend der jüngeren Vergangenheit mögen abstrakt plausibel klingen.

Aber wer in Wien lebt und arbeitet, findet auf seiner Suche nach Informationen wenig Zusammenhang zwischen seinem Leben und Ereignissen, die schon lange im Strudel der Zeit versunken sind. Seine seelischen und psychischen Probleme und Erkrankungen, sofern vorhanden, haben ersichtlich nichts mit dem Zentralfriedhof und nichts mit der K.u.K.-Zeit zu tun. Und Wien ist für ihn einfach Wien – laut einer Studie der Unternehmensberatung Mercer weltweit die Großstadt mit der höchsten Lebensqualität. Grün, schön, sicher, kulturell anregend, effizient verwaltet – sieht so eine “Weltuntergangsversuchsstation” (so der Wiener Schriftsteller und Aphoristiker Karl Kraus über die Stadt) aus? Sieht so eine Stadt aus, in der tausende Menschen und Familien auf der Suche nach seelischer Gesundheit psychische Hilfe bei Therapeuten, Psychologen, diversen therapeutischen Organisationen oder Veranstaltungen zum Thema psychische Gesundheit suchen? Vermehrte telefonischen Anfragen bei den Krankenkassen nach der Therapie auf Krankenschein werden jedenfalls und bestimmt nicht nur im November registriert!

Wien – Wiege der Psychotherapie?

Wie das Leben eines Einzelnen von Orten und ihrer Geschichte geprägt wird, ist eine der subtilsten Fragen überhaupt. Musste die Wiege der Psychotherapie in Wien stehen? Musste es der Wiener Neurologe Sigmund Freud sein, der als erster über die Psychodynamik des Unbewussten nachdachte? Oder war das nur eine Art Zufall?

Wie auch immer man diese Fragen beantworten möchte – hier sind ein paar Zahlen: Im Jahr 2010 gab es in Wien pro 577 Einwohner einen Psychotherapeuten. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr mussten sich statistisch 1686 Berliner einen Therapeuten teilen. Und in New York City waren es sogar 1868 – trotzdem für die New Yorker schon ein Grund, selbstkritisch von ihrer “therapy addiction” zu sprechen…

Die Wiener sind offen für Therapie und Psychotherapie, so viel steht fest. Wien bietet seinen Menschen eine Versorgung von über 2900 Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen. Ich bin einer von ihnen. Und übrigens: Psychotherapie ist kein Zeichen von Morbidität und hat wenig mit dem genussvollen oder besessenen Herumwühlen in düsteren Gedanken zu tun. Wer sich für Psychotherapie in Wien oder anderswo entscheidet, wendet sich dem Leben zu.

Weiterführende Links:
Links der Stadt Wien zum Thema Psychotherapie