Mag. Michaela Neufeldt-Schoeller, Psychotherapeutin in Wien 18

„Quarterlife-Crisis“: ein neuer Begriff geistert durch die Medien

Der Begriff postuliert das Bestehen einer Sinnkrise von jungen Menschen gegen Ende ihres ersten Lebensviertels. Er wurde von Alexandra Robbins (*1976), einer US-amerikanischen Journalistin, bekannt gemacht, die sich in ihren 20er-Jahren selbst in einer Krisensituation befand, die sie als typisch für ihre Generation ansah. Gut ausgebildete junge Menschen leiden wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtungen und dem schwindenden Vertrauen in die Problemlösungskompetenzen von Regierungen und Bürokratie (Stichworte: Globalisierung, Occupy Wall Street, EU-Krise) unter starken Zukunftsängsten. Sie müssen befürchten, keinen den eigenen Qualifikationen entsprechenden Job zu finden.

Finanzielle Schwierigkeiten, eine gegenüber früheren Generationen deutlich verlängerte Abhängigkeit vom Elternhaus (Generation Praktikum, prekäre Arbeitsverhältnisse), führen zum Gefühl, nicht gut genug, nicht stark genug für die Welt da draußen zu sein und selbst nichts bewirken zu können.

„Midlife-Crisis“ und „Quarterlife-Crisis“

Ebenso wie die inflationär verwendete „Midlife-Crisis“ stellt auch die „Quarterlife-Crisis“ keinen klinisch-psychiatrischen Begriff dar.

Der Begriff Midlife-Crisis will das Lebensgefühl der 40-50jährigen beschreiben, die sich mit schwindenden Möglichkeiten der Selbstentfaltung konfrontiert sehen. Viele wichtige Entscheidungen sind unwiderruflich gefallen, der Körper wird schwächer und unattraktiver.

Die Quarterlife-Crisis kann aus psychotherapeutischer Sicht gut mit dem Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung (self-efficacy) des kanadischen Psychologen Albert Bandura (*1925) erklärt werden: Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) ist die innere Überzeugung, schwierigen Anforderungen aufgrund eigener Kompetenzen gewachsen zu sein, bzw. selbst Relevantes bewirken zu können. Eine hohe SWE führt zu geringeren Depressionsraten und größerem beruflichem und sozialem Erfolg. Sie stellt eine wichtige psychische Ressource dar.

Festzuhalten ist, dass Midlife- und Quarterlife-Crises per se keine psychischen Erkrankungen sind. Sie wollen nur ganz allgemein ein weit verbreitetes Lebensgefühl einer bestimmten Altersgruppe beschreiben.

Aber wenn Traurigkeit, Selbstvorwürfe, Schuldgefühle oder Zukunftsängste zum ständigen Begleiter geworden sind und das gute Gefühl der Selbstwirksamkeit schon allzu lange zurückliegt, sollte man die fachliche Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch nehmen. Depressionen sind sehr gut behandelbar.

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