Mag. Michaela Neufeldt-Schoeller, Psychotherapeutin in Wien 18

Panikattacken verstehen und therapieren

Es gibt im Leben viele Gründe, Angst zu haben. Im Wartezimmer der Notaufnahme, vor einer Prüfung, allein im Dunkeln, Auge in Auge mit einer Spinne – im allgemeinen wissen wir, warum wir uns fürchten. Ob rational begründet oder nicht, solche Ängste sind fassbar.

Alarmstufe Rot ohne ersichtlichen Grund

Was aber, wenn Körper und Geist völlig ohne erkennbare Ursache plötzlich in einen Zustand äußerster Alarmiertheit versetzt werden? Wer einen Panikanfall erleidet, hält das Geschehen fast immer zunächst für Symptome einer lebensbedrohlichen Erkrankung, oft für einen Herzinfarkt.

Das Herz klopft schnell und bedrohlich, die Atmung wird flach und mühsam, Schwindel und Erstickungsgefühl nehmen überhand. Kalter Schweiß bricht aus, der Magen krampft sich zusammen. Die Gedanken rasen, die Wahrnehmung ist extrem geschärft, aber auch seltsam entpersönlicht. Überwältigt von Gefühlen der Todesangst, des totalen Kontrollverlusts, erleben Betroffene einen psychischen und körperlichen Ausnahmezustand, dessen akute Phase zehn bis fünfzehn Minuten anhalten kann.

Panikattacken hinterlassen Verunsicherung

Ein Panikanfall allein ist noch keine Panikstörung. Bei manchen Menschen hinterlässt er aber eine tiefgehende Verunsicherung, die das Entstehen einer Panikstörung befördern kann. Wer eine Panikattacke erlebt hat, den lassen der körperliche und psychische Nachhall des Anfalls und das Grübeln über die Bedeutung der Symptome manchmal nicht wieder zur Ruhe kommen.

Das Internet wird konsultiert, Allgemeinärzte und Spezialisten aufgesucht – die bedrohlichen Erscheinungen müssen doch eine Ursache haben… Ist es das Herz? Oder vielleicht ein Tumor? Es wird in sich hineingelauscht. Steht wieder ein Anfall bevor? Man schont sich körperlich, versucht vorbereitet zu sein. Ist Hilfe in der Nähe, wenn man sie benötigt? Oft entwickelt sich eine Agoraphobie, eine Angst vor großen öffentlichen Plätzen oder anonymen Menschenansammlungen. Enge Räume werden zwanghaft nach möglichen Fluchtwegen abgesucht. Man vermeidet es, auf Reisen zu gehen, allein unterwegs zu sein, sich zu weit von einer immer enger werdenden persönlichen Sicherheitszone zu entfernen.

Wiederholte Anfälle, die sich unter diesen Bedingungen fast zwangsläufig einstellen, konsolidieren die Panikstörung. Unter der Drohung neuer Anfälle zerfasert das bisherige Leben.

Diagnose Panikstörung

Eine Panikstörung wird meist erst nach einem langen Diagnosemarathon festgestellt, in dem alle denkbaren körperlichen Ursachen wieder und wieder ausgeschlossen werden. Das Etikett Panikstörung ist zweifellos eine Erleichterung, trotzdem kann seine Akzeptanz auch Schwierigkeiten bereiten. Im Gegensatz zu Menschen, die an generalisierter Angststörung leiden, sehen von Panikattacken Geplagte in ihrem Leben nämlich oft überhaupt keinen Anlass zu Ängsten – zumindest abgesehen von der Angst vor einem neuen Anfall.

Vor ihrer Störung waren sie oft sehr aktive, mit beiden Beinen fest im Leben stehende Menschen. Dass sie permanent unter starker psychischer und körperlicher Anspannung standen, war ihnen vielleicht selbst nicht bewusst. Ursache der Anspannung können anspruchsvolle berufliche und familiäre Verantwortlichkeiten, aber auch unverarbeitete belastende Erlebnisse sein. In diesem Zustand des dauernden unbewussten Zähnezusammenbeißens ist der gestresste Körper bereits in Alarmbereitschaft. So können kleinste Anlässe einen Adrenalinschub triggern, der den Ausnahmezustand einer Panikattacke auslöst.

Mit der Angst umgehen lernen …

Eine Psychotherapie kann helfen, mit der Angst vor einem neuen Anfall umzugehen und wieder in den Alltag zu finden. Sie lernen, angstmachende Gedanken zu identifizieren, zu analysieren und neu zu bewerten. Sie üben, panikauslösende Situationen nicht zu vermeiden, sondern realistisch zu bewerten und Ihre körperlichen Reaktionen zu entschärfen – mit der richtigen Atemtechnik und verschiedenen Entspannungsverfahren, und mit dem verinnerlichten Wissen, dass Ihr Leben nicht in Gefahr ist. So gewinnen Sie Schritt für Schritt Ihre Autonomie zurück.

… und das Leiden deuten

Viele Betroffene stellen sich aber auch weitere Fragen. Was bedeuten meine Attacken? Woher kommt die Angst, die sich im Panikanfall Raum verschafft? Was ist der Grund meiner inneren Anspannung? Auch wenn rein organische (genetische Veranlagung) und chemische (Koffein, Alkohol, Drogen, Medikamente) Auslöser oft eine Rolle spielen – eine Panikstörung deutet fast immer auf ein ungelöstes psychisches Problem hin. Wenn Sie den Mut und das Interesse aufbringen, können wir auch die Ursachen Ihrer Angst im Rahmen einer tiefenpsychologischen Gesprächstherapie gemeinsam ausloten.