Mag. Michaela Neufeldt-Schoeller, Psychotherapeutin in Wien 18

Therapie von Essstörungen

(siehe auch: Hilfe bei Adipositas, Hilfe bei Bulimie)

Essen ist nicht nur eine der Lebensnotwendigkeiten schlechthin, sondern auch ein elementarer Trost, ein sinnliches Vergnügen und ein mit tiefer Bedeutung aufgeladener Vorgang. Diese Sinnlichkeit und die überhöhte Bedeutung des Essens machen es anfällig für Störungen – schon sprechen wir von Essstörungen.

Seit in den Industrieländern die Versorgung mit dem Notwendigen kein Grund zur Sorge mehr ist, ist die Rolle des Essens als Überlebensmittel in unserem Bewusstsein in den Hintergrund getreten, während die anderen Aspekte an Bedeutung gewonnen haben. Die problemlose Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln in beliebigen Mengen und Varianten bewirkt, dass unser Umgang damit nicht mehr von nackten Notwendigkeiten diktiert ist, sondern stattdessen zwangsläufig kulturell und individuell auf die verschiedensten Arten geformt und ausgestaltet wird. So trägt beispielsweise die verbreitete Sorge um die Reinheit und Gesundheit der Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, Züge der Überhöhung der Nahrungsaufnahme zu einem mythischen Akt.

Hier geht es nicht um das Stillen des Hungers, sondern quasi um das Unverwundbarmachen des eigenen Körpers. Feinschmecker, die in avantgardistischen Restaurants und in den Hinterzimmern ethnischer Garküchen auf der Suche nach dem ultimativen kulinarischen Kick sind, treiben den Genussaspekt des Essens auf die Spitze. Und das im Laufe des 20. Jahrhunderts in den westlichen Ländern entstandene Ideal des schlanken, beweglichen, ballastlosen Menschen macht auch unsere mit Fitness und Diäten hochgerüsteten Körper zu Schauplätzen des Konkurrenzkampfes.

Obwohl eine der uneingeschränkt positiven Errungenschaften des letzten Jahrhunderts, hat die Abschaffung von eklatanter materieller Not unser Verhältnis zum Essen notwendig um vieles komplexer und damit leider oft auch komplizierter gemacht. Essstörungen sind neben Depressionen zu einer der definierenden seelisch-körperlichen Erkrankungen der modernen Zeit geworden. Wir haben oft das Gefühl, dass diese Leiden bildhaft etwas über uns und unser häufig gestörtes Verhältnis zu unserer eigenen Lebendigkeit erzählen. Nicht übersehen werden darf aber auch, dass wir Essstörungen nur haben können, weil wir sie uns leisten können.

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