Mag. Michaela Neufeldt-Schoeller, Psychotherapeutin in Wien 18

Therapie von Phobien und Furcht

Von Ablutophobie (Furcht vor dem Waschen) bis Zoophobie (vor Tieren) – die Liste von “klassischen” und seltenen Phobien ist lang. Darunter finden sich so verbreitete und vielen begreifliche Ängste wie die Akrophobie (Höhenangst), die Klaustrophobie (Angst vor kleinen Räumen), die Ophidiophobie (Furcht vor Schlangen), die Odontophopie (Angst vor dem Zahnarzt) oder die Trypanophobie (vor Injektionen) – aber auch ungewöhnliche und auf den ersten Blick kuriose Phobien wie vor Käse oder Knöpfen, mit denen die Betroffenen im Allgemeinen bei ihrer Umgebung auf völliges Unverständnis stoßen.

Phobien – die oft scheinbar grundlose Furcht

Furcht vor Käse – Menschen, die an Phobien leiden, können darüber nicht lächeln. Für sie haben die Gegenstände ihrer Furcht in keinem Fall etwas Kurioses. Oft wissen Sie zwar durchaus, dass ihre Gefühle übertrieben oder irrational sind – die körperlichen Symptome der Angst (Beklemmung, Schwindel, kalter Schweiß) aber stellen sich wider besseres Wissen ein, sobald sie dem Gegenstand ihrer Phobie gegenüberstehen.

Heute gibt es die Tendenz, psychische Probleme als rein biologische Phänomene aufzufassen, die aus einer angeborenen Störung des Gleichgewichts von Neurotransmittern im Gehirn resultieren. Zu unserem heutigen Verständnis der Phobien hat aber gerade die auf Freud zurückgehende psychodynamische Sichtweise seelischer Vorgänge entscheidend beigetragen.

 

Tiefenpsychologische Erklärung der Phobie

Therapeuten unterscheiden zwischen (der unspezifischen) Angst und (der auf konkrete Situationen gerichteten) Furcht.

Im psychodynamischen Modell liegen einer Phobie angsterregende Erlebnisse oder Vorstellungen der Betroffenen zugrunde, die in ihrer Bedrohlichkeit nicht zugelassen werden können und daher aus dem Bewusstsein verschwinden müssen. Die angsterregenden Bewusstseinsinhalte werden verdrängt und die Furcht wird auf eine relativ bedeutungslose Äußerlichkeit verschoben – den Gegenstand der Phobie. Durch systematische Vermeidung des ängstigenden Gegenstandes oder der ängstigenden Situation wird die Abwehr des ursprünglichen Auslösers der Angst quasi doppelt besiegelt.

Gegenstaende einer Phopie
Bei einer Phobie kann eine harmlose Wahrnehmung wie ein Anblick oder ein Geruch eine verängstigende Situation aus der Vergangenheit aktivieren… (Foto © kerstiny, Fotolia.com)

Der unbewusst “ausgewählte” Gegenstand der Phobie ist oft irgendeine harmlose Wahrnehmung, die in losem Zusammenhang mit der eigentlichen, verdrängten Erinnerung oder Vorstellung steht. Das kann ein Anblick, Geruch oder Geschmack sein, der zusammen mit dem angsterregenden Geschehen im Gedächtnis blieb, oder ein Ort, ein Berührungsreiz, der einmal oder mehrmals die Erinnerung an das zu Verdrängende aktivierte.

Manche Situationen – große Höhen, Enge oder das Verlorensein in einem weiten Raum – stehen allgemein symbolisch für psychische Konflikte. Die entsprechenden Phobien können daher als ein fast schon poetischer Ausdruck der ihnen zugrundeliegenden Ängste verstanden werden.

Es scheint aber, dass Gegenstände und Situationen auch mehr oder weniger zufällig von Phobien “besetzt” werden können. Auf dem Gebiet der Phobien gibt es offensichtlich auch bestimmte, vielleicht evolutionär entstandene, Archetypen – siehe Spinne, Schlange, Ratte & Co – “konventionelle” Objekte von Phobien, die sich als Anker für die verschiedensten beängstigenden Vorstellungen geradezu anbieten.

Die der Phobie zugrunde liegende verdrängte Angst resultiert meist aus belastenden Erlebnissen in der Kindheit. Freud hielt uneingestandene ödipale Wünsche des Kindes für den Auslöser der meisten Phobien. Von dieser Vorstellung ist man heute weit abgerückt. Eher hält man es für wahrscheinlich, dass das, was Freud als ödipale Wunschvorstellungen interpretierte, Erinnerungen an den Missbrauch durch Erwachsene gewesen sein könnten.

Viele schmerzhafte bis traumatische Erinnerungen, aber auch “unerlaubte” Vorstellungen können in einer Phobie ihren unbewussten Ausdruck finden. Gewalt durch Familienmitglieder, unbegreifliches Verhalten der Eltern oder die eigenen Vorstellungen von Tod, Leid und Aggression sind für Kinder oft so grundlegend bedrohlich, dass sie die Erinnerungen und Gedanken daran aus ihrem Bewusstsein tilgen müssen.

 

Verhaltenstherapeutischer Ansatz zum Verständnis der Phobie

Das psychodynamische Modell ist allerdings nicht die einzige Hypothese zur Entstehung von Phobien. Verhaltenstherapeutische Erklärungsmodelle gehen von erlernten und verselbstständigten Erlebens- und Verhaltensmustern aus. Gerade das Weitergeben klassischer Phobien innerhalb von Familien und anderen Gruppen trägt sicher Züge von Konditionierung (wenn jeder vor Spinnen panische Angst hat, ist das offenbar die sozial akzeptierte Art, sich zu verhalten).

Der verbreiteten Furcht vor Exkrementen, Nagern oder bestimmten Insekten kann außerdem ein gewisser evolutionärer Nutzen sicher nicht abgesprochen werden. Dass einige Menschen offenbar mehr psychische Energie auf diese erlernten oder veranlagten Symptome konzentrieren als andere, so dass sie sich bei ihnen in Form von Phobien manifestieren – das könnte als Ergebnis einer mehr oder weniger biologisch begründeten stärkeren psychischen Empfänglichkeit interpretiert werden.

 

Therapiekonzepte bei Phobien

Aus den beiden Erklärungsansätzen ergeben sich auch die beiden – einander nicht notwendig ausschließenden – therapeutischen Ansätze für die Behandlung von Phobien. Die tiefenpsychologische Therapie einer Phobie zielt darauf ab, die der Phobie zugrundeliegenden verdrängten Ängste und Konflikte ans Licht zu holen, zu bearbeiten und in das Bewusstsein der Betroffenen zu integrieren.

Der verhaltenstherapeutische Ansatz orientiert eher darauf, den Umgang mit dem Gegenstand der Phobie neu zu erlernen (Stichwort: Desensibilisierung) und so die Handlungsfähigkeit im täglichen Leben wieder herzustellen. Historisch gesehen sind Phobien die ersten psychischen Leiden, die in den 1950er Jahren mit damals neuen verhaltenstherapeutischen Methoden erfolgreich behandelt wurden.

Ob eine vergleichsweise schnelle und ergebnisorientierte Verhaltenstherapie oder eine längerfristige tiefenpsychologische Therapie angezeigt ist (oder überhaupt irgendeine Therapie), muss von Fall zu Fall entschieden werden.

 

Welche Therapie ist die richtige?

Gesteigertes Leiden durch erweiterten Rahmen der Phobie

Therapie einer Phobie heißt die verdrängte Angst sichtbar machen...
Ein grösserer Leidensdruck ist oftmals durch die Erweiterung des Rahmens einer Phobie möglich… (Foto © Alexander Beliaev, Fotolia.com)

Viele Menschen können mit Phobien recht gut leben. Sofern sich der Gegenstand der Furcht im Alltag ohne größere Schwierigkeiten vermeiden lässt, resultiert aus einer Phobie oft kein besonderer Leidensdruck. Mitunter ist allerdings zu beobachten, dass sich im Zuge der Vermeidung der betroffenenen Gegenstände oder Situationen der Rahmen einer Phobie erweitert: Ursprünglich trat nur eine Furcht vor Fahrstühlen auf, die sich aber im Laufe der Zeit auch auf Busse und andere öffentliche Verkehrsmittel ausweitet. Oder es war zunächst nur eine Straße, durch die man nicht gehen konnte – nach und nach wird aber das gesamte Stadtviertel zur Ursache.

Wenn so etwas auftritt, kann man davon ausgehen, dass die Phobie der Ausdruck einer verdrängten Angst ist, deren “Vergessen” nach wie vor viel psychische Energie erfordert. Wenn die Phobie Ihr Leben zunehmend kompliziert macht, ist der Versuch einer Freilegung und Bearbeitung der unterliegenden Ängste und Vorstellungen im Rahmen einer tiefenpsychologischen Therapie meist eine gute Idee.

Umgekehrt kann es aber auch vorkommen, dass die reale Angst, die einer Phobie zugrunde liegt, mit der Zeit ganz still und unbemerkt an Bedeutung verloren hat. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass die jetzt quasi “leere” Phobie ebenfalls verschwindet – oft wird sie als etwas Erlerntes sozusagen durch die reine Macht der Gewohnheit aufrechterhalten. Eine Verhaltenstherapie kann Ihnen in solchen Fällen meist rasch helfen, den Gegenstand Ihrer Phobie zu konfrontieren und die Furcht allmählich abzubauen.

 

Soziale Phobie

Ein Sonderfall unter den Phobien ist die soziale Phobie. Diese Furcht kann nur begrenzt als das Produkt der Verschiebung einer Angst auf einen neuen Gegenstand interpretiert werden. Wer an einer sozialen Phobie leidet, hat fürchterliche Angst vor Gruppensituationen – und diese Angst ist eigentlich kein Symbol, kein Platzhalter für eine andere. Sie ist eine Vermeidungshaltung, die direkt aus gestörten Bindungen, aus beschämenden, bedrohlichen oder verunsichernden Erlebnissen mit den Bezugspersonen der Kindheit resultiert.

Paradox: Wer an sozialer Phobie leidet, ist nicht allein. Das Angstleiden gehört zusammen mit Alkoholsucht und Depressionen zu den häufigsten psychischen Problemen in unserer Gesellschaft.

Bei der Therapie der sozialen Phobie werden tiefenpsychologische und Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie mit Gewinn kombiniert. Schließlich haben die verfestigten negativen Urteile (Kognitionen) über die eigene Person im Verhältnis zu anderen bei dieser Furcht ihre Wurzeln so gut wie immer in Konflikten und Beziehungsstörungen der Kindheit. Die für das Agieren in Gruppensituationen benötigten Kompetenzen sollten zudem in geschütztem Rahmen (in einer Gruppentherapie oder einer Selbsthilfegruppe) erworben und geübt werden.

Auch die vorübergehende Behandlung mit Medikamenten (Antidepressiva) durch einen erfahrenen Facharzt bietet die Möglichkeit, sich entspannter mit der Frage nach den Ursachen des Symptoms auseinandersetzen zu können.

Zumindest theoretisch ist keine Furcht unmöglich. Zwar hat sich in meine Praxis noch kein Patient mit Anatidaephobie – der Furcht, von einer Ente beobachtet zu werden – verirrt, und zugegebenermaßen ist das auch nicht sehr wahrscheinlich, stammt diese Phobie doch direkt aus einem Cartoon von Gary Larson aus den 1980er Jahren. Generell aber nehme ich jede Phobie ernst, unter der Sie leiden und die Sie in Ihren Lebensmöglichkeiten einschränkt.

Bitte wenden Sie sich vertrauensvoll an mich, wenn Sie Fragen zu Ihren Symptomen haben: Psychotherapie ist Hilfe zur Selbsthilfe!

 


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